Antonelli braucht Mexiko nicht zum Titel, nur einen ruhigen Sonntag
Platz neun reicht Kimi Antonelli in Mexiko-Stadt zum WM-Titel. Die größere Prüfung: Kann ein erkrankter 20-Jähriger seinen riesigen Vorsprung ohne eigene Fehler in die Krönung verwandeln?
KI-generiertes Bild
Wenn ein Fahrer mit 123 Punkten führt und noch 125 zu vergeben sind, ist die Meisterschaft keine Frage der Geschwindigkeit mehr. Es ist eine Frage des Temperaments. Das ist die eigentliche Geschichte von Mexiko-Stadt, und deshalb halten wir die Frage „Wird Kimi dieses Wochenende Meister oder erst in Brasilien?“ für zu kurz gegriffen.
Die Zahlen sind eindeutig. Laut SAPO hat Antonelli nach Austin 365 Punkte, George Russell 242, und Mercedes führt die Konstrukteurswertung mit 607 vor Ferrari mit 474 an. Am Sonntag genügt ihm ein neunter Platz oder besser zum Titel, und womöglich nicht einmal das, falls Russell und Hamilton nicht gewinnen. Er wäre der jüngste Weltmeister der Geschichte und der erste Italiener seit Alberto Ascari 1953.
Die Komplikation ist menschlicher, nicht mathematischer Natur. Wie Lance berichtet, ließ Antonelli den Medientag am Donnerstag aus, weil er sich von einer Virusinfektion erholt; die FIA entband ihn von den verpflichtenden Pressterminen. Mercedes erwartet ihn zum Freitagstraining zurück.
Die Rechnung ist fast erledigt, der letzte Gegner sind Auto und Kalender
Platz neun ist eine sehr niedrige Hürde für einen Fahrer, der 123 Punkte Vorsprung hat. Bei einem normalen Wochenende würden wir von einer Formsache sprechen und weitergehen.
Mexiko-Stadt ist aber kein normales Wochenende. Der Autódromo Hermanos Rodríguez liegt auf 2.240 Metern Höhe und gilt laut SAPO als eine der anspruchsvollsten Strecken für die Autos. Ein Fahrer, der gerade eine Krankheit hinter sich hat, in dünner Luft und mit einem Titel in Reichweite, hat einen Gegner, den keine Rechentabelle erfasst: den eigenen Körper und den eigenen Kopf.
Deshalb widersprechen wir der Vorstellung, der „frühe“ Titelgewinn sei der Preis. Zwischen einem Titel in Mexiko und einem in Brasilien liegt eine Woche. Zwischen einem sauberen Titelgewinn und einem erzitterten liegt, wie die Meisterschaft in Erinnerung bleibt. Ein Champion, der auf den Ausfall eines Rivalen angewiesen ist, erzählt eine andere Geschichte als einer, der einfach seinen Job erledigt.
Ferrari jagt nicht den Titel, sondern die Erzählung
Hamilton und Leclerc sind in keinem ernsthaften Sinn eine rechnerische Gefahr. Ferrari ist Zweiter der Konstrukteurswertung, aber weit von Mercedes entfernt. Was sie tun können, ist die Party zu verderben. Leclercs eigene Botschaft lautete laut Überschrift von Formula1.com „Wir müssen perfekt sein“, um in Mexiko-Stadt zu gewinnen – das sagt viel darüber, wie er die Chancen einschätzt. Hamilton wiederum bezeichnete die nächsten fünf Rennen laut Überschrift desselben Mediums als „wie Testrennen“, was für uns nach einem Team klingt, das schon auf die nächste Saison blickt.
Unsere Einschätzung: Niemand in dieser Gruppe ist in der Lage, Antonelli die Krone abzunehmen. Sie können ihm den Sonntag aber ungemütlich machen. Wenn Ferrari das Rennen gewinnt, zählt das nur, falls Antonelli einen schlechten Tag erwischt. Genau deshalb liegt der Druck bei ihm und nicht bei ihnen. Die Verfolger haben nichts zu verlieren, der Spitzenreiter alles.
Was für Mercedes ein gutes Ergebnis wäre
Mercedes hat ein anderes Problem als der Rest des Fahrerlagers. Beide Fahrer stehen an der Spitze der Wertung, und Russell ist als Zweiter der Mercedes-Fahrer, der Antonelli am nächsten ist. Das macht das Teammanagement heikel: Es sollte niemanden bitten müssen, Platz zu machen, und Antonelli keinen Anlass geben, Risiken einzugehen.
Das sauberste Ergebnis ist unserer Ansicht nach das langweiligste. Ein konservatives Qualifying, eine sichere erste Runde, ein Punkteergebnis deutlich innerhalb der ersten neun und der Titel ohne Dramatik. Das ist keine Kritik. Bei diesem Vorsprung ist langweilig das größte Kompliment.
Antonelli selbst scheint das zu verstehen. In einem Interview mit Blick sagte er, wie CNN Brasil berichtet, er müsse zunächst in Mexiko den Job zu Ende bringen, und sobald er sein Ziel erreicht habe, wolle er als Hommage an Ayrton Senna weiter mit der Nummer 12 fahren. Das ist ein Fahrer, der über die Arbeit spricht, nicht über die Trophäe. Es ist der richtige Instinkt.
Unser Urteil
Die Krone dürfte in Mexiko-Stadt vergeben werden, es sei denn, Krankheit oder ein schlechtes Wochenende kommen dazwischen. Sollte es auf Brasilien hinauslaufen, wäre das keine Katastrophe, sondern nur ein Aufschub, denn der Abstand ist zu groß, als dass der Titel selbst in Gefahr geriete.
Achten würden wir nicht auf die Punktesumme, sondern auf die Haltung. Wirkt Antonelli am Freitag, Samstag und Sonntag ausgeruht und besonnen, ist der Titel in jeder Hinsicht eine Formsache. Wirkt er ausgelaugt oder überzieht das Tempo, wird aus dem „unvermeidlichen Champion“ der „junge Fahrer, der die Last spürt“. Wir halten das Erste für weit wahrscheinlicher und einen neunten Platz an einem ruhigen Sonntag für einen der überzeugendsten Titelgewinne, die man sich vorstellen kann.
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