Football (NFL)
Sportsfera-Redaktion
Football (NFL)

75 Prozent CTE bei Ex-NFL-Spielern: Kopftrauma ist ein Ergebnis, kein Risiko

Eine Studie der Boston University schätzt, dass 74,5 % der zwischen 2008 und 2023 gestorbenen NFL-Spieler CTE hatten. Über Sicherheit zu reden reicht nicht: Die Liga muss das Spiel ändern.

Veröffentlicht
29. Oktober 2026
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4 min
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KI-generiertes Bild

Wenn drei von vier Menschen, die einen Beruf ausgeübt haben, am Ende dieselbe Gehirnerkrankung haben, kann man dann noch von einem Berufsrisiko sprechen? Oder ist es schlicht das, was dieser Beruf mit einem macht?

Diese Frage muss die NFL nach einer neuen, von der Boston University geleiteten Studie beantworten, die am Mittwoch in JAMA Network Open erschienen ist. Sie schätzt, dass 74,5 % der ehemaligen NFL-Spieler, die zwischen 2008 und 2023 gestorben sind, an chronisch-traumatischer Enzephalopathie (CTE) litten. Der Schätzung liegt eine Stichprobe von 2.362 verstorbenen Spielern zugrunde, das 95-Prozent-Konfidenzintervall reicht von 69,6 % bis 78,3 %, wie The Washington Informer berichtet.

Die Einschränkungen sind real, aber sie verkleinern die Zahl, nicht das Problem

Die Rohzahl ist noch drastischer. Von 387 gespendeten Gehirnen mit eindeutigem Befund zeigten 362 eine CTE, also rund 94 %. Diese Zahl ist verzerrt, weil Familien, die einen kognitiven Abbau beobachten, eher spenden. Die Forscher haben das modelliert, schätzten, dass Spieler mit deutlichen Symptomen etwa fünfmal so häufig spendeten, und korrigierten auf 74,5 % nach unten. Der Seniorautor Yorghos Tripodis sagte ABC News, dass die Schätzung selbst bei sehr konservativen Annahmen nicht unter 60 % fällt.

Die Grenzen sollten klar benannt werden. Die Studie umfasst nur verstorbene Spieler. Sie sagt nichts darüber, wie viele lebende Ex-Profis oder aktive Spieler die Krankheit haben. Nichtspender wurden nicht untersucht, ihre Symptome wurden aus Sterberegistern abgeleitet. Es handelt sich um eine statistische Schätzung, nicht um eine Zählung.

Die Debatte über das „Ob“ ist beendet, die über das „Wie viel“ nicht

Wir meinen: Diese Grenzen verändern die Größe des Problems, nicht seine Art. Die Hauptautorin Julia Gallini wies darauf hin, wie CBS News berichtet, dass CTE bei weniger als 1 % der Spender von gemeinschaftlichen Hirnbanken durchgängig gefunden wird. Dem stehen rund 75 % in einer Gruppe gegenüber, die sich über einen einzigen Beruf definiert. Selbst das untere Ende der bereinigten Spanne ist nach unserer Einschätzung eine Quote, die an keinem anderen Arbeitsplatz jemand tolerieren würde.

Deshalb halten wir den Bezugsrahmen für verschoben. „Risiko“ unterstellt eine Wahrscheinlichkeit, bei der man würfeln und ihr entgehen kann. Eine solche Zahl legt nahe, dass Hirnschäden für Spieler jener Ära eher das erwartbare Ergebnis einer Karriere waren. Vielleicht geht es der heutigen Generation besser. Die Studie kann das nicht beantworten, und wir tun nicht so, als könne sie es. Aber die Beweislast hat sich nun umgekehrt. Die Liga kann nicht länger davon ausgehen, dass heutige Spieler sicher sind; sie muss es belegen.

Die Antwort der Liga ist vor allem eine Kommunikationsantwort

In der Stellungnahme der NFL heißt es, sie „bemüht sich fortlaufend, den Football sicherer zu machen“, und verweist auf Guardian Caps und Regeländerungen. Außerdem betont sie Angebote für ehemalige Spieler, die eine Behandlung suchen. Die Spielergewerkschaft NFL Players Association nannte Studien wie diese „entscheidend“ für das Verständnis der Langzeitfolgen des Footballs und erklärte, sie wolle die Forschung unterstützen und den Zugang zu medizinischer Versorgung ausweiten.

Unserer Lesart nach setzen beide Reaktionen auf Versorgung nach dem Schaden und auf Ausrüstung, und keine verpflichtet sich dazu, die Zahl der Treffer zu senken. Dabei geht es allein um die Belastung: CTE hängt mit wiederholten Kopfstößen zusammen, auch mit Zusammenstößen, die keine diagnostizierte Gehirnerschütterung auslösen. Ein Helmüberzug kann einen Treffer abmildern, verringert aber nicht, wie viele Treffer ein Lineman bei jedem Snap einer Saison einsteckt. Das ist eine Frage der Spielgestaltung: Kontakt im Training, Aufbau der Spielzüge, die schiere Zahl der Zusammenstöße. Wenn die Liga will, dass wir ihr den Ernst glauben, sollte sie veröffentlichen, was sie zu Kopfstößen misst, und den Sport dort verändern, wo die Zahlen hinweisen.

Auch die Reaktion von Patriots-Trainer Mike Vrabel finden wir aufschlussreich, und zwar nicht im negativen Sinn. Er sagte, die Spieler hätten die Risiken gekannt und er habe gewusst, worauf er sich einlässt, und fügte hinzu, es sei gut, dass die Liga versuche, das Spiel sicherer zu machen. Das ist die ehrliche Sicht eines Athleten und verdient Respekt. Doch „Ich wusste, worauf ich mich einlasse“ gilt nur, wenn der Vertrag vollständig offengelegt wurde. Die Liga hat jahrelang alles bestritten, bevor sie 2016 einen Zusammenhang zwischen Football und CTE einräumte, so die AP-Berichterstattung, die WBUR übernommen hat. Eine Einwilligung nach Aufklärung, die erst im Nachhinein kommt, ist keine Einwilligung.

Der eigentliche Streit geht um die Kinder

Die unangenehmste Folgerung betrifft nicht die Profis. Der Neurowissenschaftler Chris Nowinski, einer der Koautoren, sagte Spotlight on America, dass nur etwa 26.000 Männer jemals in der NFL gespielt haben, während Hunderttausende Kinder ab sechs Jahren jedes Jahr Tackle Football im Jugendbereich spielen. Er verwies auf Einschränkungen beim Kopfball im Fußball und beim Checking im Eishockey und sagte, im Football habe es keine vergleichbare Auseinandersetzung gegeben.

Wir stimmen zu. Erwachsene können ein Gehalt gegen eine Diagnose abwägen. Sechsjährige können das nicht. Der frühere NFL-Spieler Matt Hasselbeck brachte es auf den Punkt: „Wir können diese Zahlen für die nächste Generation von Spielern nicht akzeptieren.“ Am einfachsten und günstigsten lässt sich im Jugendbereich handeln, wo es die Liga unserer Ansicht nach keinen Unterhaltungswert kostet, das Alter für das erste Tackling anzuheben.

Unser Fazit

Man sollte diese Studie nicht als Beweis lesen, dass jeder Spieler verloren ist, denn das sagt sie nicht. Man sollte sie als Ende der bequemen Unklarheit lesen. Die NFL sollte die Belastung durch Kopfstöße als Kennzahl behandeln, die sie steuert, und nicht als Imageproblem, auf das sie antwortet. Das heißt, Trainingsformen und Regeln zu ändern, statt nur Ausrüstung und Angebote hinzuzufügen, und spürbare Grenzen für Tackle Football im Jugendbereich zu unterstützen. Wenn die Liga weiter mit Stellungnahmen antwortet, lässt die nächste Studie das noch schlechter aussehen.

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