Rose hat recht: Bei RB Leipzig schwebt der Trainerdaumen schon früh in der Saison
Marco Rose springt Martín Demichelis zur Seite. Sein eigener Abschied macht ihn zur befangenen Partei, doch sein Argument zum Vertrauen in Bundesliga-Trainer überzeugt dennoch.
Foto: Steffen Prößdorf / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Wie viele schlechte Wochen braucht es, bis ein Bundesliga-Trainer als Wackelkandidat gilt? Bei RB Leipzig offenbar weniger, als man benötigt, um die Namen der Neuzugänge zu lernen.
Marco Rose hat nun ausgesprochen, was in der deutschen Fußballszene vermutlich viele leise denken. Wie die Welt berichtet, beklagt Rose, der inzwischen den AFC Bournemouth trainiert, die fehlende Rückendeckung in Leipzig. Die Schlagzeile des Kicker fragt, ob der Daumen für Martín Demichelis schon nach unten zeigt, und lässt Rose ihm zur Seite springen. In einem separaten Interview zitiert Laola1 Rose zu seinem eigenen Abschied aus Leipzig. Er sagt, er habe seine Leichtigkeit verloren, und ein Trainer brauche dann im Verein „die volle Rückendeckung und Unterstützung“.
Der Kontext ist schnell erklärt. Rose verließ Leipzig Ende März 2025. Demichelis kam mit einem Vertrag bis 2028, sein bisheriger Start verlief durchwachsen. Es gab eine Niederlage in Bremen, ein Champions-League-Spiel in Como, in dem Leipzig chancenlos war, und später ein 1:6 gegen Bayern. Berichten zufolge steht zudem eine Serie von vier Auswärtsniederlagen in Folge zu Buche. Jeder Ausrutscher hat eine neue Runde von „Ist er noch sicher?“-Geschichten ausgelöst.
Die Druckgeschichte ist ein Produkt, und Leipzig kauft es immer wieder
Man betrachte das Muster der Berichterstattung. Ein Medium fragt, ob der erste Trainerstuhl der Bundesliga schon wackelt. Ein anderes schreibt von „internen Sorgen“. Ein drittes meldet, Demichelis bleibe, brauche aber einen starken Start. Nichts davon ist eine Entscheidung. Es ist eine Stimmung, und Stimmungen lassen sich billig veröffentlichen.
Die Gefahr besteht darin, dass aus einer Stimmung eine Politik wird. Ein Trainer, der liest, sein Job hänge vom nächsten Spiel ab, wählt die sichere Aufstellung, den sicheren Wechsel, die sichere Ausrede. Das ist das Gegenteil des Plans, den Demichelis vor dem Spiel gegen Leverkusen Berichten zufolge skizziert hat: das Selbstvertrauen aus den Heimspielen mit auf die Reise zu nehmen. Man kann von einer Mannschaft keinen mutigen Fußball verlangen, während im Haus über den Abschied getuschelt wird.
Wir meinen außerdem: Ungeduld ist eine Gewohnheit, und Gewohnheiten breiten sich aus. Sobald der erste Reflex eines Klubs auf einen holprigen Oktober der Blick auf den Trainer ist, wird jedes Ergebnis zum Referendum, und in der Kabine kann das niemand ausblenden.
Rose ist kein neutraler Zeuge, und das ist in Ordnung
Man sollte ehrlich mit Blick auf den Überbringer sein. Rose wurde von eben diesem Klub zum Gehen gedrängt, natürlich sieht er sich selbst in Demichelis. Seine Aussagen darüber, was in Leipzig intern passiert ist, sind seine eigene Darstellung, und anhand der uns vorliegenden Unterlagen können wir sie nicht überprüfen.
Aber sein Instinkt ist nicht nur Eigeninteresse. Ligaportal berichtet, dass er auch Kölns Trainer Wagner verteidigt hat und sagte, dieser habe die Behandlung nicht verdient. Wer den Trainer eines anderen Klubs verteidigt und nicht nur den seines früheren Arbeitgebers, streitet offenbar über den Berufsstand und nicht nur über die eigene Vergangenheit.
Unsere Ansicht: Er hat weitgehend recht. Wer einen neuen Trainer an einer Handvoll Auswärtsergebnisse misst, übersieht alles, was Monate dauert: eine Mannschaft, die ein Pressingsystem lernt, Verletzungen und die Rotation, die ein Pokallauf mit sich bringt. Schon kleine Details zeigen, wie dünn die Spielräume sind. Leipzigs DFB-Pokal-Spiel beim Drittligisten Rot-Weiss Essen fand ohne Christopher Nkunku statt, dessen Ausfall Demichelis als „nicht schlimm“ herunterspielte. Zum Bundesliga-Auswärtsspiel bei Schalke 04 wird er zurückerwartet. Diese Belastung zu steuern, ist Aufgabe eines Trainers. Seine Saison auf ein Urteil über jedes einzelne Spiel zu verkürzen, ist es nicht.
Was Leipzig und die übrige Bundesliga tun sollten
All das heißt nicht, dass ein Trainer unbegrenzt Zeit verdient. Bleibt die Auswärtsform so schwach, ist das ein berechtigtes Problem, auf das ein Klub reagieren kann. Uns geht es darum, wie ein Klub entscheidet. Er sollte seine Kriterien intern festlegen, sie dem Trainer mitteilen und aufhören, anonyme „Druck“-Geschichten für sich sprechen zu lassen.
Unsere Empfehlung an Leipzig ist einfach: Sagen Sie öffentlich, was Sie von Demichelis erwarten und bis wann, und stehen Sie dann bis zu diesem Datum hinter ihm. Scheitert der Plan, hat der Klub einen Trainer aus ehrlichen Gründen verloren. Geht er auf, hat der Klub eine stabile Mannschaft gewonnen und eine Geschichte, die andere Bundesliga-Klubs kopieren könnten.
Vertrauen ist kein Geschenk an den Trainer. Es ist das günstigste Leistungsinstrument, das ein Klub besitzt, und Leipzig lässt es immer wieder in der Schublade liegen.
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