Stuttgarts Sieg in Leverkusen ist Erleichterung, keine Heilung
Der VfB machte aus einem 4:2 das Ende der Krise, doch die Tore fielen durch effiziente Chancenverwertung, nicht durch bewiesene Lösungen. Von Heilung zu sprechen, wäre der Fehler.
KI-generiertes Bild
Kann ein Team in 90 Minuten eine Krise beenden, ohne irgendetwas zu beheben? Der VfB Stuttgart hat es gerade versucht, und die Anzeigetafel sagt: Es hat funktioniert. Wir meinen, dass die Anzeigetafel die interessantere Geschichte verdeckt.
Stuttgart gewann 4:2 bei Bayer Leverkusen und beendete damit eine Serie von zwei Niederlagen in Folge. Wie die Sportschau berichtet, erzielte Ermedin Demirovic zwei Tore, die übrigen steuerten Jamie Leweling und Bilal El Khannouss bei. Der Sieg brachte den VfB auf neun Punkte und wieder in Reichweite der oberen Tabellenhälfte, während Leverkusen bei 13 Punkten blieb und auf Rang sechs abrutschte.
Die Sportschau führt das Ergebnis auf „starke Chancenverwertung“ zurück. Unserer Ansicht nach steckt in dieser Formulierung die ganze Geschichte. Der Bericht beschreibt ein kaltschnäuziges Stuttgart, kein dominantes.
Effizienz ist ein Ergebnis, keine Reparatur
Ein Blick darauf, wie die Tore fielen: Das 1:0 resultierte aus Stuttgarts erstem Torschuss der Partie, einem Nachschuss von Demirovic, nachdem Flekken gegen El Khannouss gehalten hatte. Das zweite Tor entstand nach einer Ecke im Getümmel, in dem Leweling völlig frei stand. Kurz vor der Pause traf Leweling dann die Latte, und nach dem Seitenwechsel legte El Khannouss mit einem Schuss aus 20 Metern nach. Das sind gute Momente, aber sie sind kein System.
Dagegen schildert die Sportschau, dass Leverkusen nach den ersten Gegentoren das Spiel an sich riss, ein Schuss von Maza ans Aluminium krachte. Allein Moreira hatte in der zweiten Halbzeit drei gute Chancen. Eine Mannschaft, die so viel Terrain preisgibt und trotzdem mit zwei Toren Vorsprung gewinnt, wurde unseres Erachtens ebenso vom Zufall wie von der Taktik begünstigt. Die Chancenverwertung ist wohl die schwankungsanfälligste Fähigkeit im Fußball: Sie kann einen Nachmittag lang tragen und in der Woche darauf verschwunden sein.
Das ist wegen des Kontexts wichtig. Eine Vorschau des Wettportals Wettfreunde vermerkte, Stuttgart habe zuletzt Mühe gehabt, Chancen zu verwerten, sich diese aber weiterhin erspielt. Stimmt das, war die Lösung womöglich schlicht eine Rückkehr zum Mittelwert, die an einem gelegenen Samstag eintrat. Beweisen können wir das anhand der vorliegenden Berichte nicht, doch es passt besser ins Bild als eine Geschichte plötzlicher Reparaturen.
Leverkusens Schwächen schmeichelten den Gästen
Die andere Hälfte der Rechnung ist der Gegner. Laut Sportschau verteidigte Leverkusen beim zweiten Gegentor mit wenig Konzentration, und beim vierten kam Stuttgart nahezu unbedrängt zum Abschluss. Leverkusens Ibrahim Maza kritisierte nach dem Spiel zudem Schiedsrichter Benjamin Brand scharf. Die Sportschau merkt zwar an, Brand habe vor der Pause mehrere Szenen laufen lassen und die Entscheidung auf kein Foul vor dem 4:1 sei umstritten gewesen, die Klagen seien also nicht unbegründet. Dennoch habe Leverkusen den Rückstand laut demselben Bericht überwiegend sich selbst zuzuschreiben, und dem stimmen wir zu.
Stuttgart besiegte also ein Team, das Chancen vergab und nachlässig verteidigte. Das ist ein legitimer Sieg, und drei Punkte sind drei Punkte. Es ist aber etwas anderes als der Beweis, dass der VfB behoben hat, was die beiden Niederlagen zuvor verursacht hat.
Genießen, dann misstrauen
Unser Urteil: Die Punkte mitnehmen und ihnen dann misstrauen. Der nächste Test ist das Heimspiel gegen Werder Bremen am Samstagabend, und dort würden wir nach Belegen suchen. Wenn Stuttgart sich in ähnlichem Maß Chancen erarbeitet und die Verwertung lediglich ordentlich statt vernichtend ausfällt, ist die Krise tatsächlich überwunden. Braucht die Mannschaft erneut einen Vier-Tore-Schub aus einer Handvoll Schüsse, wurde die Krise nur vertagt.
Trainer und Fans lieben ein Ergebnis, das die unbequeme Aufarbeitung überflüssig macht. Stuttgart sollte dieser Versuchung widerstehen. Das Selbstvertrauen behalten, und dann auf den Prozess schauen, nicht auf das Ergebnis. Eine Heilung zeigt sich, wenn die Leistung auch ohne die Wunderverwertung trägt.
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