Gidsel rettet die Füchse erneut – und das sollte Berlin beunruhigen
Mathias Gidsels zwölf Tore in Eisenach brachten die Punkte, doch ein Titelkandidat, der einen Sieben-Tore-Rückstand nur dank eines Superstars dreht, hat ein strukturelles Problem.
Foto: Steffen Prößdorf / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Wenn eine Mannschaft in der 35. Minute mit sieben Toren zurückliegt und am Ende dennoch souverän gewinnt: Ist das ein Zeichen von Stärke oder eine Warnleuchte? Der Sieg der Füchse Berlin am Sonntag in Eisenach war beides. Wir tendieren zur Warnleuchte.
Zunächst der Spielverlauf. Laut dem Spielbericht des MDR führte Eisenach in der ausverkauften Werner-Aßmann-Halle zur Pause mit 14:8 und baute den Vorsprung nach 35 Minuten auf 19:12 aus, wobei Felix Aellen vor der Pause sechs von sechs Würfen verwandelte. Dann stellten die Füchse auf eine sehr aggressive Abwehr um, glichen zum 22:22 aus, gingen bis zur 50. Minute in Führung und brachten das Spiel nach Hause. Als Gidsel bei 12 Toren angelangt war, hatten sie die Partie klar im Griff. Aellen kam auf zehn Treffer für die Gastgeber – ein Hinweis darauf, wie lange Eisenach mithielt.
Das Comeback ist die Geschichte, aber auch das Loch, das man sich selbst gegraben hat
Viele Teams würden dieses Ergebnis sofort unterschreiben. Vor der Partie brachte es die Sportschau auf den Punkt: Berlin brauchte einen Auswärtssieg, um wieder Anschluss an die Spitzengruppe der Handball-Bundesliga zu finden. Den gab es, und die Mannschaft zeigte dabei echte Moral. Der Wechsel auf eine offensive Abwehr in der zweiten Halbzeit war eine kluge Anpassung, und Matthes Langhoff, der schwach begann und sich in die Partie hineinarbeitete, hat sich das Lob für den Ausgleich verdient.
Doch der Blick auf die erste Halbzeit lohnt sich. Der Meister von 2025 kassierte in einer Hälfte 14 Gegentore bei einem Heimteam und ließ einen einzelnen gegnerischen Schützen gewähren. Das ist unserer Ansicht nach kein Zufall. Eine Mannschaft, die ihre beste Abwehr erst bei einem Rückstand von sieben Toren aktiviert, schaltet sie nicht konstant ein. Gidsels Schlussspurt überdeckte das, und zwar so gut, dass der Aussetzer bis Montag wohl vergessen sein dürfte. Das sollte er nicht.
Ein Superstar ist nur so lange ein Plan, bis er nicht verfügbar ist
Die Abhängigkeit ist keine neue Erkenntnis. rbb24 bezeichnete Platz fünf bei der Klub-WM als Enttäuschung und fragte, warum der schmale Kader zum Problem wurde. Ein anderes Medium, Archysport, schrieb vor der Saison, ein auffallend dünner Kader zwinge Geschäftsführer Bob Hanning dazu, stark auf Gidsel zu setzen. Gidsel selbst sagte im August gegenüber rbb24: „Wenn ich auf der Bank sitze, bin ich sauer.“ Eine solche Aussage schätzt man an einem Star, fürchtet sie aber bei einem Klub, der eine lange Saison plant.
Hinzu kommt der Präzedenzfall. Am letzten Spieltag der vergangenen Saison erzielte Gidsel gegen Flensburg 18 Tore, persönlicher Rekord, in einer Partie, in der beide Seiten der Abwehr wenig Beachtung schenkten. Es ist eine glänzende Statistik. Es ist aber auch ein Spiel, das zeigte, wie Berlin aussehen kann, wenn der Plan lautet: „Gidsel wird es richten.“
Fairerweise muss man sagen: Der Klub steht nicht still. Handball-World berichtet, dass Mijailo Marsenic und Max Darj den Verein verlassen werden, während der Rückraum für 2027/28 deutlich verstärkt wird. Das spricht dafür, dass Berlin das Problem kennt. Es ist jedoch eine Lösung für die nächste Saison. Der Titelkampf dieser Saison läuft über einen Spielplan, der sich um künftige Neuzugänge nicht schert.
Unser Urteil: die Gala genießen, aber die Abwehr einfordern
Wir behaupten nicht, Berlin stecke in der Krise. Ein Sieg, der auf einer Zwölf-Tore-Leistung des amtierenden Welthandballers beruht, bleibt ein Sieg, und Eisenachs Einbruch auf der Zielgeraden deutet darauf hin, dass die körperliche und taktische Überlegenheit der Füchse real ist, wenn sie greift. Gidsel nannte zudem Titelverteidiger Magdeburg als Favoriten, Berlin kann sich also die Rolle des Jägers leisten.
Doch Jäger brauchen Konstanz, und Konstanz bedeutet, nicht jede zweite Woche ein Wunder zu benötigen. Wenn die Füchse die Spiele mit der Intensität beginnen, die sie in Eisenach in der zweiten Halbzeit fanden, sind sie ein echter Titelanwärter. Warten sie weiterhin darauf, dass Gidsel sie aus selbst verschuldeten Rückständen befreit, kostet sie eine Verletzung oder ein schwacher Tag den Titel. Diese Zahl verdient mehr Aufmerksamkeit als die Torbilanz: wie oft Berlin einem Rückstand hinterherläuft und wie oft es dafür einen Superstar braucht, um herauszukommen.
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